© berliner-zeitung.de | Beitrag vom 13.07.2017

Neues Konzept So bekommt Berlin seine Problem-Schulen flott – Quelle: http://www.berliner-kurier.de/27968700 ©2017
Neues Konzept So bekommt Berlin seine Problem-Schulen flott – Quelle: http://www.berliner-kurier.de/27968700 ©2017

„Turnaround-Projekt“ Abbrecherquote gesenkt - Maßnahmen an Problemschulen erfolgreich

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Nach vier Jahren Dauer zog die Projektleitung Bilanz.

Foto: imago/Christian Ditsch

New York war Vorbild. Dort werden scheiternde Schule – auf Englisch: failing schools – bereits seit 2002 von externen Beraten gezielt unterstützt. Sie können über Personal und Geld weitgehend frei verfügen. Dafür müssen sie einen jährlichen Bericht darüber abliefern, ob diese Problemschulen ihre selbstgesteckten Ziele erreichen. Auf diese Weise sollen sie die Wende schaffen, den Turnaround, wie es auf Englisch heißt.

Nach New Yorker Vorbild nahmen nun auch zehn Berliner Problemschulen vier Jahre lang an einem Turnaround-Projekt teil, das die Bildungsverwaltung zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung verantwortete. Die Bilanz: Neun von zehn Schulen erhielten neue Schulleiter. Denn eine gute Führung ist von zentraler Bedeutung. An zwei Schulen mussten die Schulleiter aber zwischenzeitlich erneut ausgetauscht werden. „Alle Schulen haben ihre Herausforderungen angenommen“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).

„Aber es gab auch Schwierigkeiten und Rückschläge.“ Dennoch hätten die meisten Sekundarschulen ihre Abbrecherquote und auch die Zahl der Schulschwänzer gesenkt. Scheeres lobte beispielhaft die Erfolge der Hector-Peterson-Sekundarschule. Dort reduzierte sich mit neuer Schulleitung die Schulabbrecherquote von 20 auf fünf Prozent, es fiel weniger Unterricht aus, weniger Lehrer meldeten sich krank, auch die Gewaltvorfälle nahmen ab.

Vier Faktoren sind entscheidend

Neben einer neuen Schulleitung und der Besetzung vakanter Konrektorenposten an Grundschulen sollten weitere Maßnahmen die Wende bringen: Eine wichtige Rolle spielen dabei die externe Prozessberater, meist erfahrene Schulleiter, die einen möglichst neutralen Blick auf die einzelne Schule hatten und Ratschläge gaben. Zudem setzten sich die Kollegien endlich mal wieder zusammen, um darüber zu reden, wohin sich ihre Schule entwickeln sollte. „Die Zeiten, in denen ein Lehrer eine Stunde gibt und dann wieder aus der Schule flieht, sind vorbei“, sagte Projektleiterin Hannelore Trageser.

Gemeinsam erarbeiteten die Kollegien Zielvereinbarungen. Die Albrecht-Graefe-Schule in Kreuzberg entwickelte beispielsweise ein neues Schulprofil, setzte auf praktisches Lernen, erfand ein Schullogo. „Früher galten wir als Idiotenschule“, sagt Schulleiter Guido Schulz. Jetzt sei die Schule beliebt, bald werde auch eine gymnasiale Oberstufe eingerichtet. Vor vier Jahr meldeten Eltern dort nur 17 Schüler an, in diesem Jahr waren es schon 69.

Vier Faktoren sind aus Sicht von Projektleiterin Trageser entscheidend, damit eine Schule besser wird: Personalmanagement, tragfähige Steuerungs- und Teamstrukturen innerhalb des Kollegiums, eine Fokussierung auf erfolgreiche Lernprozesse sowie ein aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Daten. „Wir können doch sehen, wo die Abbrecherquote noch hoch sind und in welcher Klassen besonders viel geschwänzt wird“, sagte sie.

„Wir haben 1,5 Millionen Euro reingegeben“

Insgesamt nahmen sieben Sekundar- und drei Grundschulen am Projekt teil. Einer der neuen Schulleiter ist der aus Russland stammende Sergej Afonin. Vor einem Jahr wurde er Leiter der Neuköllner Silberstein-Grundschule. Ihm ist es wichtig, die Eltern für die Schule zu gewinnen. Deshalb bietet er nachmittags muttersprachliche Kurse für die Kinder an – auf Arabisch, Polnisch, Serbisch und bald auch auf Russisch. „Darauf haben viele Eltern lange gewartet“, sagt Afonin. Eine Schule lebe auch davon, dass sich Schüler und Eltern mit ihr identifizieren.

Scheeres hat weitere Lehren aus dem Projekt gezogen: Alle Problemschulen erhalten nun Verwaltungsleiter, um die Schulleiter zu entlasten. Größere Grundschulen ab 550 Schülern erhalten zudem zwei Konrektoren. Die Bosch-Stiftung wird sich nun aus dem Projekt zurückziehen. „Wir haben 1,5 Millionen Euro reingegeben“, sagt Uta-Micaela Dürig von der Bosch-Stiftung. Die in Berlin gesammelten Erfahrungen würde man nun auch anderen Bundesländern zur Verfügung stellen.

– Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/27967990 ©2017

© www.berliner-kurier.de | Beitrag vom 13.07.2017

Neues Konzept So bekommt Berlin seine Problem-Schulen flott – Quelle: http://www.berliner-kurier.de/27968700 ©2017
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Neues Konzept So bekommt Berlin seine Problem-Schulen flott

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Die Silberstein-Schule in Neukölln hat heute sogar eine Warteliste. 

Foto: Paulus Ponizak
Berlin -

Übellaunige Schulleiter, viele Schulschwänzer und eine hohe Schulabbrecher-Quote. Zehn besonders schwierige Berliner Problemschulen sollten in einem neuartigen Turnaround-Projekt vor dem Aus bewahrt werden. Nach New Yorker Vorbild. Nach vier Jahren wurde jetzt Bilanz gezogen: So können Problemschulen besser werden.

Oft war die Schulleitung ein Problem. An neun von zehn Schulen wurde sie ausgetauscht. Denn eine gute Führung ist ganz wichtig. Allerdings ging das nicht immer gut. An zwei Schulen musste auch die neue Leitung kurze Zeit später wieder ausgetauscht werden. Zum Beispiel an der Silberstein-Grundschule in Neukölln. Dort bietet nun der aus Russland stammende Schulleiter Sergej Afonin nachmittags zusätzliche Angebote an. Schüler und Eltern freut es.

Die Schulen sollen mit ihren Daten aktiv umgehen

„Alle Schulen haben ihre Herausforderungen angenommen“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). „Aber es gab auch Schwierigkeiten und Rückschläge.“ Dennoch hätten die meisten Sekundarschulen ihre Abbrecherquote und auch die Zahl der Schulschwänzer gesenkt. Scheeres lobte beispielhaft die Erfolge der Hector-Peterson-Sekundarschule in Kreuzberg. Dort reduzierte sich mit neuer Schulleitung die Schulabbrecherquote von 20 auf 5 Prozent, es fiel weniger Unterricht aus, weniger Lehrer meldeten sich krank , auch die Gewaltvorfälle nahmen ab.

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Bildungssenatorin Scheeres (re.) mit Schulleiter Afonin (li.) und Projektleiterin Trageser.

Foto: Paulus Ponizak

Wie geht das? Das Turnaround-Projekt von Bildungsverwaltung und Bosch-Stiftung stellte den Schulen externe Berater zur Seite. Meist Ex-Schulleiter, die die Schwächen einer Schule gut erkennen und Ratschläge geben. Zudem reden die Lehrer wieder miteinander und formulieren gemeinsame Ziele, die sie dann auch erfüllen müssen. „Die Zeiten, in denen ein Lehrer seinen Unterricht gibt und dann wieder aus der Schule flieht, sind vorbei“, sagt Projektleiterin Hannelore Trageser. Die Stimmung in den Schule ist besser. Und die Schulen sollen mit ihren Daten aktiv umgehen, überprüfen, in welcher Klasse besonders viele Schüler schwänzen.

Scheeres versprach zudem, dass Problemschulen künftig Verwaltungsleiter erhalten, um Schulleiter zu entlasten. Größere Grundschulen ab 550 Schüler werden zudem mit zwei Konrektoren ausgestattet.

– Quelle: http://www.berliner-kurier.de/27968700   ©2017

© Länderreport | Beitrag vom 04.04.2017

Viel Unterrichtsausfall, schlechte Abschlüsse und hohe Abbruchquoten – das kennzeichnete die Silberstein-Schule in Berlin-Neukölln. Seit drei Jahren partizipiert sie am sogenannten Turnaround-Programm. Es gibt neue Regeln – auch auf dem Schulhof.

Die Silberstein-Grundschule liegt direkt an den Gleisen zwischen den S-Bahnhöfen Herrmannstraße und Neukölln. Zwei Berliner Brennpunkte. Letzterer gilt als Hotspot der Drogenszene. Ein schwieriges Quartier, aus dem viele lieber wegziehen, sofern sie es sich leisten können. Diese Entwicklung bekommen auch die Schulen in dem Bezirk zu spüren. Viele Kinder sprechen zu Hause Arabisch, Türkisch, Serbisch oder Russisch.

Der Eingang der Silberstein-Grundschule liegt auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise. Ein imposanter Backsteinbau aus der Gründerzeit mit einem hohen Giebel in der Mitte. Das Eingangsportal ist verschlossen, der Hausmeister bittet freundlich hinein. Im Erdgeschoss riecht es nach frischem Putz. Ein Blick durch ein Fenster auf der Rückseite des Gebäudes zeigt, was sich in den vergangenen drei Jahren alles getan hat.

"Wir hatten da wo vorher das Geländer ist, einen Zaun, der die Schule begrenzt hat. Da war also richtig Güterbahnhof, Gleise."

Jetzt sieht man dort einen modernen Schulhof, der sich auf zwei Etagen erstreckt. Es gibt einen Spielplatz mit Klettergerüst und Trampolins, Kinder üben auf Skateboards ihr Gleichgewicht zu halten oder düsen auf Rollern über den Pausenhof.

"Das ist der Gedanke des gebundenen Ganztages, dass man Erholung mit Lernen verbindet, um Lernen effizienter zu gestalten."

Seit einem Jahr ist Sergej Afonin neuer Leiter an der Silberstein-Grundschule. Wie neun andere Berliner Schulen partizipiert sie von dem Pilotprojekt School-Turnaround. Die Robert-Bosch-Stiftung und die Berliner Bildungsverwaltung haben es entwickelt, um Brennpunktschulen wieder auf die Beine zu helfen. Die sieben integrierten Sekundarschulen und drei Grundschulen hatten ähnliche Probleme: ein schlechtes Schulmanagement, viel Unterrichtsausfall, eine geringe Lernbereitschaft der Schüler, somit schlechte Abschlüsse und hohe Abbruchquoten. Als der 45-Jährige die Leitung im vergangenen Jahr kommissarisch übernahm, war sein erster Eindruck:

"Deprimierend. Das Kollegium war traumatisiert von dem, was vorher war. Denn das Kollegium hatte sich Mühe gegeben, aber diese positive Entwicklung ist irgendwie nicht nach außen gedrungen. So einen Eindruck hatte ich."

Was vorher war, lässt sich wie folgt zusammenfassen. Gleich zwei Mal war die Silberstein-Grundschule bei der Schulinspektion durchgefallen. Die Prüfer attestierten ihr einen großen Bedarf bei der Unterrichtsentwicklung, methodische und didaktische Defizite. Unter den Schülern gab es interkulturellen Streit, das Lehrer-Kollegium war sich uneins, wie es mit den Herausforderungen umgehen sollte. Die damalige Schulleiterin gab schließlich entnervt auf und ließ sich versetzen.

"Mir war das von Anfang an klar, dass man das alleine auf gar keinen Fall schafft. Deswegen war auch wichtig, hier Mitstreiter zu gewinnen, das Kollegium zu überzeugen, auch mit Herrn Pagel als Hausmeister und einer neuen Konrektorin und mit einer neuen Sekretärin das alles in die Wege zu setzen, das war klar."

Obwohl die Schule schon knapp drei Jahre vom Turnaround- Programm partizipiert, war von einer Wandlung bislang nicht viel zu spüren. Mit Sergej Afonin scheint sich das zu ändern. Das haben auch die Kinder mitbekommen.

Neue Regeln in der Schule

"Damals hat sich wirklich fast jedes Kind irgendwie geprügelt, mit den Lehrern diskutiert oder wollte halt gar nicht mehr auf die Lehrer hören. Einfach respektlos waren die damals." 

 ... sagt der zehn Jahre alte Amrum. Ihm gefallen die neuen Regeln, die der Direktor eingeführt hat. Lehrer und Kinder teilen sich zum Beispiel die Pausenhofaufsicht. Jede Klasse ist mal dran, erzählt seine Schulkameradin Roweida:

"Und am Ende der Hofpause bleiben mindestens drei oder vier Kinder und die sollen dann den Hof säubern, damit es sauber bleibt. (...) Es gibt noch zwei neue Regeln. Man muss, bevor man das Schulgebäude betritt, alle Mützen und Käppis ausziehen. Die Lehrer finden halt, dass es dann zeigt, ja ich bin der Boss, weil ich ein Käppi habe."

Nach anfänglicher Skepsis konnte Dr. Sergej Afonin auch die meisten Lehrer überzeugen. Zu Beginn des neuen Schuljahrs ließ er sogenannte Kulturfächer einführen, an denen die Schüler freiwillig teilnehmen können. Dort werden sie zwei Mal pro Woche in der Sprache und Kultur ihrer Eltern unterrichtet. Ein mutiger Schritt. Viele von ihnen beherrschen weder die deutsche Grammatik noch die deutsche Rechtschreibung. 98 Prozent der Schüler kommen aus Familien, die einen Migrationshintergrund haben. Sind Kulturfächer auf Arabisch und Polnisch da nicht kontraproduktiv? Sergej Afonin schüttelt vehement den Kopf. Sie stärken das Selbstbewusstsein der Schüler, verteidigt er sein Konzept:

"Deutsch ist extrem wichtig für unsere Schülerschaft. Aber auch die eigene Herkunftssprache darf man nicht vergessen, denn dadurch bekommen die Schüler mehr Anerkennung und fühlen sich hier respektvoll behandelt. Keine Assimilation im Sinne ich vergesse meins und tue nur so wie das in Deutschland erwartet wird oder verlangt wird. Sondern das Eigene stärken, aber auch meinen Nachbarn kennen oder das Land, wo man lebt."

Neben Arabisch, Polnisch, Englisch und Spanisch sollen demnächst Bulgarisch, Rumänisch und Serbisch dazukommen. Grundlage dieses Konzeptes sind seine Erfahrungen als Lehrer an einer Europaschule. Die Hälfte des Unterrichts findet dort nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch, Französisch, Türkisch oder Russisch statt. Die Eltern sehen dort Mehrsprachigkeit als etwas Positives an. Denselben Effekt wünscht sich Dr. Sergej Afonin für seine Schüler. Sein Prinzip: die Heterogenität der Kinder zu akzeptieren. Was vielleicht auch mit seiner eigenen Migrationserfahrung zu tun hat. Der studierte Sprachwissenschaftler stammt aus Russland:

"An den Kindern liegt es nie. Nicht, dass Kinder nicht schwierig wären, aber der Grundgedanke, mit dem wir hier an das ganze Turnaround-Programm herangehen, nicht die Kinder sind die Falschen, die leider nicht zur Schule passen. Sondern wir müssen versuchen, Schule und Unterricht so auszurichten, dass er für die Kinder passt, die wir haben. Und wenn das Kinder sind mit 98 Prozent nicht-deutscher Herkunftssprache, dann muss eben jeder Unterricht, Sprachunterricht sein. Und wenn es Kinder sind, die zu einem großen Prozentsatz aus bildungsfernen Elternhäusern kommen, dann hat die Schule eben eine besondere Verantwortung, das, was die Elternhäuser nicht nachbessern können, in der Schule anzubieten."

Hannelore Trageser leitet das Turnaround-Programm der Robert-Bosch-Stiftung. Eine Million Euro wurde in das Projekt investiert, 800.000 Euro kommen von der Bosch-Stiftung, der Rest von der Berliner Bildungsverwaltung. Eine Bilanz will die Leiterin erst zum Ende des Programms gemeinsam mit der Bildungsverwaltung im Sommer ziehen. Doch schon jetzt ist klar. Hinter jeder erfolgreichen Schulumkehr steht eine gute Leitung. Sie allein reiche aber nicht aus, führt Hannelore Trageser weiter aus. Für einen echten Turnaround braucht man das gesamte Kollegium. In Teams zu arbeiten, sei für viele Lehrer leider noch nicht Usus.

"Das müssen sie aber. Weil man mit diesem Gedanken, ich stehe alleine vor einer sehr differenzierten, sehr schwierigen, mir persönlich auch meiner Bildungsbiografie sehr fremden Schülerschaft gegenüber, das werde ich alleine nicht in der Weise produktiv bewältigen können, dass da ein strahlender Unterricht mit tollen Ergebnissen jeden Tag rauskommt. Dazu brauche ich die Teamarbeit mit anderen Kollegen."

Den Teilnehmern des Programms hat sie darum empfohlen, Klassenteams zu bilden. Lehrer bräuchten Feedback. Antworten auf ihre Fragen, wie sie den Unterricht besser gestalten können. Darum wurde jeder Schule ein erfahrener Pädagoge an die Seite gestellt. Niemanden von der Schulaufsicht, sondern ehemalige Schulleiter. Sie sollen helfen, die vier Kernziele zu erreichen, die mit den Schulen vereinbart wurden.

"Verbesserung im Schulmanagement, Verbesserung im Schulklima, Verbesserung in der Unterrichtsqualität, Verbesserung in den Lernleistungen, die am Ende rauskommen."

Wie sie ihre Ziele erreichen, obliege den Schulen, sagt Hannelore Trageser, die selber 35 Jahre lang unterrichtet hat. Sie lobt vor allem die Lehrer, die innerhalb des Turnaround-Projekts bei den sogenannten "kollegialen Unterrichtshospitationen" mitmachen. Sie besuchen sich gegenseitig im Unterricht, um zu sehen, wie sich ihre Schüler beim Kollegen verhalten.

"Die Schulen sind sehr unterschiedlich auf dem Weg, sehr unterschiedlich weit und die Ziele sind auch unterschiedlich, aber dieses gemeinsame Grundverständnis, es geht um die Lernprozesse der Kinder, und die sollen wir so unterstützen und gestalten, dass die möglichst erfolgreich verlaufen, das ist bei allen angekommen."

Fußball-, Back- und Film-AG

Zurück nach Nord-Neukölln. Nach der sechsten Unterrichtsstunde, der Pflicht sozusagen, folgt die Kür. Neben den sprachlichen Kulturfächern und einer Lernförderung können Silberstein-Schüler immer nachmittags bei 70 Arbeitsgemeinschaften mitmachen. Es gibt zum Beispiel eine Fußball-AG, eine Back-AG, eine Film AG, eine Kunst AG und einen Chor. Loreto Zamora leitet ihn gemeinsam mit ihrem Kollegen am Klavier. Die gebürtige Chilenin findet es wunderbar, dass die Schule ihrer Tochter diesen kreativen Nachmittagsunterricht bietet:

"Nein, ich kannte das bislang nicht, aber ich finde es gut, dass ich mich als Mutter hier engagieren kann. Als mich die Schule fragte, habe ich darum keine Sekunde gezögert. Außerdem hatte die Schule keinen Chor, da lag es doch auf der Hand, einen zu gründen. Und so ist es geschehen."

Die zehn Jahre alte Teuta hielt anfangs nichts von dem Nachmittagsunterricht. Das hat sich aber inzwischen geändert:

"Weil ich eingesehen habe, dass Kinder nicht nur am Fernseher am Nachmittag sitzen sollen, sondern auch was machen sollen."

Schulleiter Dr. Sergej Afonin schaut zufrieden. Bei fast allen Schülern und Eltern kommt sein Konzept gut an. Zumindest an einer AG müssen sich die 285 Kinder beteiligen. Die meisten nähmen aber an zwei oder drei AGs teil, sagt der Schulleiter ein bisschen stolz. Er sei gern in Neukölln, betont er. Wer hier hierarchisch auftritt, der kommt in dem Bezirk nicht weiter. Früher gab es einen Elternsprechtag, jetzt Elternsprechwochen. Damit den Eltern genügend Zeit bleibt, sich mit Hilfe von Dolmetschern ausführlich über die Entwicklung ihrer Kinder zu informieren, sagt Afonin. Für den Direktor ist der Turnaround an seiner Schule so gut wie geschafft.

© Berliner Morgenpost | Beitrag vom 04.12.2016

 

Der Ruf der Neuköllner Silberstein-Schule war schlecht. Nun werden die Schüler auch in der Sprache ihres Herkunftslandes unterrichtet. Silberstein-Schule

 

Sergej Afonin hat eine weitreichende Entscheidung getroffen, als er im Frühjahr die Stelle des Schulleiters der Neuköllner Silberstein-Grundschule angetreten ist. Freizeit ist für ihn seitdem ein Fremdwort. Es gibt viel zu tun, damit sich wieder mehr Eltern für diese Schule interessieren, möglichst auch solche, deren Kinder Deutsch als Herkunftssprache haben. Die Schule hat keinen guten Ruf, bildungsnahe Eltern meldeten ihre Kinder bislang lieber woanders an.

Die Silberstein-Schule, die zwischen den S-Bahnhöfen Neukölln und Hermannplatz und damit mitten im sozialen Brennpunkt liegt, wurde schon 2013 in das "School-Turnaround-Programm" der Bildungsverwaltung aufgenommen. Die Schulinspektion hatte der Schule einen großen Bedarf bei der Unterrichtsentwicklung attestiert. Es gab interkulturelle Probleme in der Schülerschaft, das Lehrerkollegium war sich nicht einig, wie mit den Herausforderungen umzugehen ist, die Schulleiterin überfordert. Das Turnaround-Programm unterstützt zehn Berliner Schulen, die besonders große Schwierigkeiten haben. Sie bekommen zusätzliche Mittel und jeweils einen Schulentwicklungshelfer an die Seite.

Im April gab es an der Silberstein-Schule dann auch noch den Schulleiterwechsel. Sergej Afonin kam, voller Tatendrang und mit einem eigenen Konzept: Zu Beginn dieses Schuljahres hat er Kulturfächer eingeführt, in denen die Kinder in Sprache und Kultur ihres Herkunftslandes unterrichtet werden. Zurzeit lernen 280 Kinder aus 26 Nationen an der Silberstein-Schule. Sie sprechen Arabisch, Türkisch, Serbisch, Bulgarisch, Polnisch oder Spanisch, um nur einige Sprachen zu nennen, die auf dem Schulhof zu hören sind. "Unsere Schüler kommen bereits mehrsprachig hier an, während anderswo Eltern viel Geld dafür ausgeben, dass ihre Kinder so früh wie möglich eine zweite Sprache lernen", sagt Afonin.

Doch Afonin ist kein Träumer. Er weiß, dass seine Schüler sich zwar in ihrer Herkunftssprache verständigen können, dass ihnen aber Grammatik und Rechtschreibung in dieser Sprache fehlen. Deshalb gibt es jetzt den Kulturunterricht. Der findet am Nachmittag statt und ist freiwillig. Trotzdem nimmt schon fast die Hälfte der Kinder daran teil. Bislang gibt es Kulturstunden in Arabisch, Polnisch, Englisch und Spanisch. Serbisch und Bulgarisch sind in Planung. Im Vordergrund dieses Unterrichts steht zwar der Spracherwerb, doch die Schüler lernen auch die Traditionen der Länder kennen. Grundlage für Afonins Konzept sind seine Erfahrungen als Lehrer an einer Europa-Schule. An den Europa-Schulen findet die Hälfte des Unterrichts nicht auf Deutsch, sondern in einer Partnersprache wie Englisch, Französisch, Türkisch oder Russisch statt. So intensiv können sie das an der Silberstein-Schule nicht machen, der Kulturunterricht wird dort aber zweimal in der Woche jeweils drei Stunden angeboten. Und es gibt bereits erste Erfolge. "Unsere Schüler erleben, dass ihre Mehrsprachigkeit als etwas Positives gesehen und ihr Herkunftsland geachtet wird. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein", sagt Afonin. Auch untereinander würden sie sich langsam besser verstehen und respektvoller miteinander umgehen.

Schulleiter Afonin hat selbst Mi­grationserfahrung. Der 45-Jährige trägt Anzug und Krawatte, und zwar jeden Tag. Wenn er durch die Schule läuft, grüßen ihn die Kinder fröhlich, und auch seine Kollegen scheinen ihn zu mögen. Er ist in der Nähe von Moskau groß geworden und hat dort Literaturwissenschaft studiert. Zwar spricht er längst ein schönes fehlerfreies Deutsch, doch sein Akzent verrät noch die russische Herkunft. Ende der 90er- Jahre ist er nach Deutschland gekommen, in das Land von Heinrich und Thomas Mann, von Goethe und Schiller, wie er sagt. Er hat an der Humboldt-Universität studiert und neun Jahre lang an der staatlichen Europaschule Leo Tolstoi unterrichtet. Nun ist er in Neukölln. "Ich bin gern hier", sagt er, und dass er den Kindern, die im Brennpunkt aufwachsen, zeigen will, dass auch sie Stärken mitbringen, die gebraucht werden in der Gesellschaft.

Bei Schülern und Eltern kommt Afonins Konzept gut an. Schließlich habe sich auch räumlich an der Schule viel geändert, sagt er und führt den Besucher zum neuen Mehrzweckbau. In dem gibt es eine Bibliothek, eine Mensa und verschiedene Horträume. Der Weg dorthin führt über den Schulhof, der kürzlich saniert worden ist. Die Kinder können dort auf einem modernen Spielplatz spielen. Es gibt neue Sportanlagen, einen Schulgarten und gleich daneben eine neue Turnhalle.

An der Silberstein-Schule wird auch viel für den Erwerb der deutschen Sprache getan. Afonin berichtet zum Beispiel von einer Schülerblog-AG, deren Teilnehmer wie Redakteure arbeiten, ihre Mitschüler über Neuigkeiten informieren und Geschichten erzählen. Alles auf Deutsch, versteht sich. Am Ende ist der Schulleiter selbst das beste Vorbild für seine Schüler. Es macht Spaß, mitzuerleben, wie er zwischen Deutsch und Russisch hin- und her- springt. Und – was noch wichtiger ist – es scheint ganz einfach zu sein.

© Abendblatt-Berlin | Beitrag vom 18.09.2016

Neubau: Rund acht Millionen Euro wurden investiert.

Ein weiterer Meilenstein für die Aufwertung des Quartiers an der Silberstein-Schule ist jetzt erreicht. Nach dem Erweiterungsbau zur Umsetzung des gebundenen Ganztagsbetriebes folgt jetzt die Einweihung der neuen Sporthalle an der Hertabrücke. Damit kann ein jahrzehntealtes Problem ad acta gelegt werden: Die Halle wird zukünftig vorrangig von den drei in der Nähe befindlichen Schulen Albrecht-Dürer-Gymnasium, Konrad-Aghad-Schule und Peter-Petersen-Schule sowie dem Vereinssport genutzt werden. Auch wer nicht so gut zu Fuß ist, wird die Gebäude nutzen können: Ein barrierefreier Eingang von der Hertabrücke aus über eine Rampe in der oberen Ebene der Sporthalle wurde realisiert. Im Erdgeschoss entstanden der Hallenteil, Umkleide-, Sanitär- und Geräteräume. Im Obergeschoss wird es eine Tribüne geben. Die Sporthalle ist für bis zu 199 Personen vorgesehen und wird über einen barrierefreien Zugang über eine Aufzugsanlage verfügen.

Verbindender Hof

Auf den Freiflächen wurde ein multifunktionaler Schulhof errichtet, der den Erweiterungsbau, die Mensa, die neu gebaute Sporthalle sowie der Silbersteinschule verbindet und von mehreren Schulen in der Umgebung genutzt werden sollen. Für das Stadtumbauprojekt Dreifeldsporthalle nebst Schul- und Schulsportfreiflächen mit einem Volumen von 7,8 Millionen Euro kamen 6,23 Millionen Euro aus dem Förderprogramm „Zukunftsinitiative Stadtteil, Stadtumbau West“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bauen und Reaktorsicherheit.

Architektonischer Gewinn

Die Ausstattung der Sporthalle mit neuen Sportgeräten im Wert von 82.000 Euro erfolgte aus Mitteln des Schul- und Sportamtes Neukölln. Im Ergebnis eines Wettbewerbsverfahrens wurde das Büro Freitag Hartmann Sinz Architekten Berlin ausgewählt und mit der Planung des Gebäudes auf dem rund sechs Meter unter dem normalen Stadtniveau liegenden Gelände beauftragt. Die Dreifeldsporthalle ist ein markanter städtebaulicher Gewinn für Neukölln. Ihre roten Klinker und die Formen nehmen Bezug auf die vorhandenen Strukturen. Die Farbigkeit der aus der Gründerzeit stammenden Silberstein-Schule wird durch den gewählten Wasserstrichziegel aufgenommen und weitergeführt.

red., Bild: Bezirksamt Neukölln

© FACETTEN-Magazin-Redaktion | Beitrag vom 04.06.2013

Die Silbersteinstraße ist keine gute Adresse, darunter leidet auch die Silberstein-Grundschule. Läge sie nur 200 Meter weiter nördlich auf der anderen Seite Seite der S-Bahn-schulhof silberstein-schule_neuköllnGleise, wäre es besser um sie bestellt. Denn dann würde sie zu einem Quartiersmanagement-Gebiet gehören und z. B. für notwendige Bau- maßnahmen Mittel des Soziale Stadt-Förderprogramms  beantragen kön- nen. Weil das aber auf die Schule nicht zutrifft, sei sie, so Schulstadträtin Dr. Franziska Giffey gestern beim Vor Ort-Termin der bezirklichen SPD-Frak- tion, ein „Neuköllner Sorgenkind“.

Nun aber naht Hilfe für die von der Förderkulisse abgehängte Bildungseinrichtung des offenen Ganztagsbetriebs, die von 280 Kindern besucht wird, von denen mehr als 90 Prozent in Transferleistungsempfänger-Haushalten leben: Auf Empfehlung des Bezirksamts Neukölln gelangte die Silberstein-Schule in das vom Senat und der Robert-Bosch-Stiftung aufgelegte Modellvorhaben „Turnaround of Schools – Berli- ner podium_spd-fraktion_silberstein-schule_neuköllnSchulen starten durch“, von dem bis 2015 insgesamt 10 Schulen in der Hauptstadt profitieren sollen. Für die Silberstein-Schule bedeutet das einerseits eine strukturelle Wende. „Wir wollen zu einer gebundenen Ganztagsschule werden, um in ei- nem sozialen Brennpunkt eine bes- sere individuelle Förderung der Kinder gewährleisten zu können“, erklärt die kommissarische Schulleiterin Grit Buggert (2. v. r.). Andererseits aber soll der Umkehrschub von einer unbeliebten zur begehrten, ihren Bildungsauftrag optimal ausfüllenden Schule auch durch massive bauliche Veränderungen gezündet wer- modell erweiterung silberstein-schule_neuköllnden. In einem Vierteljahr, so der Zeitplan, sollen die beginnen, im Herbst 2016 abgeschlossen sein.

Kernstück der baulichen Aufwertung und Realisierbarkeit des gebundenen Ganztagsbetriebs ist ein von Frei- flächen umgebener Erweiterungsbau mit Mensa und Betreuungsräumen, der das Schulgelände mit der momentan noch brachliegenden Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs Neukölln verbinden wird. Durch das Gebäude wird auch der Höhenunterschied zwischen beiden Grundstücken volker hartmann_entwurf silberstein-schule_neuköllnüberwunden. „Hätte man die 6 Meter hohe Böschung mit einer Rampe ausgleichen wollen, hätte die bei Berücksichtung des Inklusions-Aspekts 120 Meter lang sein müssen“, geht Architekt Christian Hart- mann auf die besondere gestalterische Herausforderung ein, die neben der topo- graphischen Besonderheit auch aus der Geräuschbelastung durch die S-Bahnen auf der Ringbahnstrecke resultiert. Von seinem Architekturbüro Freitag/Hartmann/Sinz wurde diese am besten gelöst. Zudem ist es nicht nur die Silberstein-Schule, an der sich einiges verändert: Umgesetzt wird ein städtebauliches Gesamtkonzept, im Zuge dessen auch die Unterversorgung des s-bahn-gelände_sporthalle hertabrücke_neuköllnQuartiers mit Sportflächen behoben werden soll.

Direkt an der Hertabrücke beginnt im ersten Halbjahr 2014 auf dem etwa 3.000 Quadratmeter großen, neu zu erschließenden Bahn-Gelände der Bau einer Dreifeldsporthalle. Insbe- sondere von den Kindern der im angrenzenden Körnerkiez gelegenen Konrad-Agahd-, Peter-Petersen- und Albrecht-Dürer-Schule solle die ge- zugang sporthalle hertabrücke_neuköllnnutzt werden, aber auch nachmittags für den Vereinssport zur Verfügung stehen, sagt Fran- ziska Giffey. Außerdem biete sie etwa 200 Zuschauern Platz. Der Zugang zur Halle, ergänzt Architekt Hartmann, werde über einen Durch- giffey+hartmann_modell silberstein-schule_neuköllnbruch an der Herta- brücke, einen barrie- refreien Eingang und eine behindertenge- rechte Rampe erfolgen.

Über 10 Millionen Euro sind für die Baumaßnahmen veranschlagt, von denen nicht nur die lange bei finan- ziellen Zuwendungen vernachlässigte Silberstein-Schule profitiert. Mit dem Schuljahr 2015/16 will sie den gebundenen Ganztagsbetrieb aufnehmen. Dass dann Zustände wie der aktuelle der Vergangenheit angehören, hofft auch Schulleiterin Buggert: Für das Schuljahr 2013/14 kann sie zwar 73 Schulplätze zur Verfügung stellen, aber lediglich 39 Anmeldungen verzeichnen.